Alltag gamifizieren: was davon wirklich funktioniert

Gamification heißt, Mechaniken aus Spielen auf Dinge zu legen, die keine Spiele sind: Punkte fürs Aufräumen, ein Level fürs Lernen, eine Serie fürs Rausgehen. Die Idee ist alt, der Begriff ist jung, und das meiste, was unter dem Namen angeboten wird, funktioniert etwa eine Woche.

Diese Seite sortiert, was trägt und was nicht, am Beispiel der Sache, die wir kennen: draußen sein. RLQuest ist eine App, die genau das tut, mit Quests, XP, Serien und Seltenheiten, und wir sagen hier auch, wo die Grenzen liegen.

Die vier Mechaniken, die Spiele ausleihen

MechanikWas sie im Spiel tutWas sie im Alltag taugt
QuestEine klare Aufgabe mit Bedingung und EndeSehr viel. Der Unterschied zwischen mehr rausgehen und heute zwischen sieben und neun draußen sein ist der Unterschied zwischen Vorsatz und Aufgabe.
Punkte und LevelFortschritt sichtbar machenMittel. Punkte für Dinge, die du sowieso tust, verpuffen. Punkte für Dinge, die du sonst gelassen hättest, nicht.
SerieBelohnt das Dranbleiben, bestraft den AbbruchStark und gefährlich. Siehe unten.
SeltenheitManche Belohnungen sind schwerer zu bekommen als andereMehr, als man denkt. Die seltene Aufgabe ist der Grund, die schwerere zu nehmen.

Was funktioniert

  1. Eine Bedingung, die man prüfen kann. Mehr bewegen ist kein Spiel, fünftausend Schritte ist eins. Alles, was du am Abend ohne Diskussion mit Ja oder Nein beantworten kannst, taugt als Quest. Alles andere ist ein Vorsatz im Kostüm.
  2. Kleine Einheiten. Ein Spiel gibt dir nie eine Aufgabe, die drei Wochen dauert. Es gibt dir eine für die nächste halbe Stunde. Wer den Alltag gamifizieren will, zerlegt ihn in Stücke von fünf bis dreißig Minuten.
  3. Sichtbarer Fortschritt. Eine Karte, die sich füllt. Eine Liste, auf der Haken stehen. Ein Zähler, der hochgeht. Der Fortschritt muss sich ansehen lassen, sonst ist er keiner.
  4. Belohnung vorher ansagen. Bei seltenen Aufgaben steht die Belohnung dran, bevor du anfängst. Das ist der Grund, die schwerere zu nehmen. Nachträgliche Belohnungen sind nett, aber sie bewegen nichts.
  5. Zufall in kleinen Dosen. Nicht du suchst dir die Aufgabe aus, sie wird dir vorgelegt. Das nimmt die Entscheidung weg, und die Entscheidung ist meistens das Problem, nicht die Aufgabe.

Was nicht funktioniert

  1. Punkte fürs Sowieso. Wer sich zehn Punkte fürs Zähneputzen gibt, hat nach einer Woche eine Tabelle und keine Veränderung. Gamifizier nur, was du sonst nicht tun würdest.
  2. Strafen. Verlorene Punkte, Rückstufungen, rote Tage. Sie führen dazu, dass du das Spiel nicht mehr öffnest. Die einzige Strafe, die ein gutes Spiel kennt, ist eine verpasste Belohnung.
  3. Kaufbare Abkürzungen. Sobald sich ein Fortschritt kaufen lässt, ist er keiner mehr. Das gilt für Spielwährung in Apps wie für den Deal mit dir selbst, die Serie ausnahmsweise zu reparieren.
  4. Zu viele Regeln. Ein Spiel, das du erklären musst, spielt niemand. Drei Regeln, eine Belohnung, ein Ende.
  5. Der Vergleich mit anderen. Bestenlisten motivieren die paar ganz oben und demotivieren den Rest. Vergleich dich mit gestern, nicht mit jemandem.

Die Serie, das zweischneidige Werkzeug

Eine Serie zählt Tage in Folge. Sie ist die stärkste Mechanik, weil sie ab dem zehnten Tag etwas zu verlieren gibt, und die gefährlichste, weil genau dieses Verlieren irgendwann eintritt. Wer nach vierzig Tagen krank wird und bei null steht, hört oft ganz auf. Zwei Dinge machen eine Serie alltagstauglich: Sie zählt die kleinste Dosis, nicht die Wunschdosis, zehn Minuten halten sie am Leben. Und sie verzeiht einen Tag. Nicht zwei, aber einen. Ein Spiel, das das nicht tut, verliert seine Spieler an dem Tag, an dem das Leben dazwischenkommt.

Zehn Alltagsdinge als Quest

Die Seltenheit ist keine Dekoration. Sie sagt dir, welche Aufgaben du dir an guten Tagen vornimmst, und sie macht aus zehn Vorsätzen eine Liste mit Gefälle.

VorsatzAls Quest formuliertSeltenheit
Mehr rausgehenSei heute zwischen sieben und neun abends draußen.Gewöhnlich
Mehr bewegenFünftausend Schritte, egal wie verteilt.Gewöhnlich
Weniger HandyEine Runde mit dem Handy in der Tasche, Bildschirm zum Bein.Ungewöhnlich
Die Gegend kennenEine Straße, in der du noch nie warst, einmal abgehen.Ungewöhnlich
Weniger kaufenHeute kein einziger Kauf. Lebensmittel zählen nicht.Ungewöhnlich
Mehr KontaktJemanden fragen, ob er ein Stück mitkommt. Die Hälfte der Runde zu zweit.Selten
AufräumenGenau eine Sache, die dich seit Wochen stört. Eine, nicht die Wohnung.Selten
Treppe statt AufzugHeute kein Aufzug, keine Rolltreppe, kein einziges Mal.Selten
Weiter wegZehn Kilometer an einem Tag, Start und Ziel an Haltestellen.Episch
Etwas Neues sehenZum Sonnenuntergang an einem Ort sein, an dem du noch nie einen gesehen hast.Legendär

Eigene Regeln schreiben

Wer es ohne App versucht, braucht drei Dinge: eine Liste mit Aufgaben nach dem Muster Verb, Gegenstand, Bedingung, Ende; eine Einteilung in Seltenheiten, bei der an den seltenen eine echte Belohnung hängt, das gute Brot vom anderen Ende der Stadt, ein Abend ohne Bildschirm; und einen festen Platz, an dem die Haken stehen, Kühlschrank, Notizbuch, egal. Dann jeden Morgen eine Aufgabe ziehen, nicht aussuchen. Das Ziehen ist wichtig, weil Aussuchen jeden Morgen eine Entscheidung ist, und Entscheidungen sind das, was man am Morgen nicht hat.

Was RLQuest davon macht, und was nicht

RLQuest gamifiziert den Teil des Alltags, der draußen stattfindet. Jeden Morgen legt die App drei bis zehn Quests vor, aus über 2700, von fünf Minuten bis zu einer halben Stunde, passend zu Wetter, Jahreszeit, Tageszeit und Interessen. Es gibt XP, Level, Serien, Seltenheiten von gewöhnlich bis legendär, 213 Erfolge in 69 Reihen und eine Karte, die sich in Waben von rund 350 Metern füllt. Und es gibt eine Mechanik, die ein Zettel nicht hat: Die App prüft nach. Den aufgezeichneten Weg, die Schritte, das Foto, die Uhrzeit. Wo sie nichts prüfen kann, sagt sie es.

Was sie bewusst nicht hat: Lootboxen, Spielwährung, kaufbare Abkürzungen. Nichts lässt sich kaufen, was man auch verdienen kann. Und was sie nicht kann: den Rest des Alltags. Die Oma anrufen, die Steuer machen, das Fenster putzen. Dafür bleibt der Zettel, und das Muster oben funktioniert dort genauso.

Die erste Quest liegt morgen früh da

RLQuest gibt es kostenlos für iPhone und Android. Zeit einstellen, Interessen wählen, und morgen früh steht die erste Quest in der App.

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